escalators to: big bang

Eine Rolltreppe fährt effizient nach oben theoretisch. In der Praxis des modernen KUNSTBETRIEBS ist sie eher wie ein Laufband im Fitnessstudio: Man schwitzt, man keucht, man trägt extrem teure Sneaker, aber eigentlich bleibt man exakt auf demselben Fleck, während einem jemand von der Seite zuruft, man solle doch bitte ‚disruptiver‘ laufen. Die 43 Absolventen der weißensee kunsthochschule haben das verstanden. Sie suchen nicht verzweifelt nach dem Not-Aus-Schalter. Sie schrauben die Rolltreppe einfach auseinander und bauen daraus eine Abschussrampe.
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Gesellschaftliche Routinen haben eine beruhigende Wirkung. Wir stehen morgens auf, kaufen überteuerten Hafermilch-Kaffee, scrollen durch fremde Leben auf Bildschirmen und glauben fest daran, dass Leistung unweigerlich zu Erfolg führt. Es ist die Logik einer Rolltreppe: Man stellt sich unten drauf, hält sich rechts, geht links und kommt unweigerlich oben an. Doch was passiert, wenn diese Rolltreppe plötzlich im Nichts endet?

Oder schlimmer noch: Was, wenn sie sich plötzlich in eine Achterbahn verwandelt?

Willkommen in der Lebensrealität von 43 jungen Menschen, die sich entschieden haben, der lukrativen Langeweile klassischer Biografien den Rücken zu kehren.

Unter dem Titel “escalators to: big bang” präsentieren Meisterschüler:innen und Diplomand:innen der Fachgebiete Malerei und Bildhauerei der renommierten weißensee kunsthochschule berlin ihre Werke in der rohen, stahlgerippten Halle der Radsetzerei auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain.

Die Vernissage am 3. Juli von 18 bis 22 Uhr ist nicht weniger als die offizielle Entlassung dieser Talente in die freie Wildbahn.

Bildrechte: weißensee kunsthochschule berlin | Fotograf: Anna Zachariades

KUNSTBETRIEB: Die Rolltreppe und das Ende des Welpenschutzes

Wir müssen den akademischen Raum als das begreifen, was er ist: Ein luxuriöses, intellektuelles Gewächshaus. An der Kunsthochschule haben diese Künstler:innen mit Malerei, Zeichnung, Fotografie, Video, Skulptur, Textilarbeit und Installation gearbeitet. Sie durften ihrem Blick auf unsere bewegte Gegenwart völlig kompromisslos Ausdruck verleihen. Keine Deadline war zu hart, kein Material zu absurd, keine Idee zu radikal, um nicht von wohlwollenden Professoren reflektiert zu werden. Doch der Titel “escalators to: big bang” verweist scharfsinnig auf die massiven Widersprüche des künstlerischen Weges.

Eine Rolltreppe mag sich in der Theorie gerade und effizient nach oben bewegen. Doch der KUNSTBETRIEB kümmert sich nicht um linear-effiziente Theorien.

Der Übergang von der schützenden Kunsthochschule in diesen Betrieb ist von einer Brutalität und Ambivalenz geprägt, die in anderen Branchen sofort zu einem Generalstreik führen würde.

Es ist, als würde man einen Botaniker, der jahrelang in einem temperierten Labor Orchideen gezüchtet hat, plötzlich mit einer Machete im Dschungel aussetzen und sagen: „So, jetzt verkauf uns mal das Wetter.

KUNSTBETRIEB: Die Anatomie der Marktmechanismen

Lassen Sie uns pragmatisch sein. Der KUNSTBETRIEB ist keine Wohlfahrtsveranstaltung für hochsensible Seelen, sondern ein knallharter Markt. Hier prallen Pro und Kontra der kreativen Existenz ungefiltert aufeinander.

Die Theorie: Kunst ist ein offener Prozess, frei, fließend und ungebunden. Die Realität: Strukturelle Vorgaben, unsichtbare Netzwerke, institutionelle Erwartungen und eiskalte Marktmechanismen drängen auf die künstlerische Arbeit ein. Sie versuchen, diesen offenen Prozess einzufangen, ihn in DIN-Normen zu pressen und ihn mit einem Preisschild zu versehen, das sich gut in einem PDF-Katalog macht.

Die Ausstellung in Halle 16 der Radsetzerei markiert exakt diesen epischen Moment des Aufbruchs. Die 43 Absolvent:innen verlassen den geschützten Hochschulraum und betreten die unvorhersehbare Kunstwelt. Und sie tun dies nicht als naive Träumer, sondern mit einer intellektuellen Gelassenheit, die beeindruckt. Sie wissen, worauf sie sich einlassen.


Das beweist das Leitmotiv der Schriftstellerin Christiana Spens: “Even when it all blows up, there will always be stars and there will always be dark matter: for this is the art world.”


Dieses Zitat ist ein meisterhafter rhetorischer Taschenspielertrick. Es nimmt dem Scheitern den Schrecken. Wenn alles in die Luft fliegt der Big Bang , dann bleibt am Ende doch das Fundamentale: die Sterne (die gefeierten Genies, die auf dem Markt glänzen) und die dunkle Materie (die unsichtbare, aber unverzichtbare Masse an Arbeit, Diskurs und Leidenschaft, die das ganze System überhaupt zusammenhält).

KUNSTBETRIEB: Die radikale Autonomie von 43 Astronauten

Für die Besucher:innen bietet die Ausstellung vom 4. bis 12. Juli 2026 (12-19 Uhr) die unwiederbringliche Möglichkeit, junge Talente am absoluten Nullpunkt ihrer professionellen Karriere zu entdecken bevor der Markt sie formt, filtert und preist. Und es ist an der Zeit, diese Namen nicht als gesichtslose Masse abzutun, sondern als souveräne Akteure ernst zu nehmen.

Sie heißen Canberk Akçal, Hannes Berwing, Elisa Bosse, Sophia Henry Brown und Alessio Cannizzo. Sie sind Yan Chmarau, Héloïse Delcros, Lunita July Dorn, Anna Eigner und Elena Mir Fakhraei. In ihren Werken steckt die Energie von Nina Frommelt, Quang Vinh Giang, Gala Lillian Glotzbach, Christopher von Gruben, Eileen Helm, Vincent Hüdepohl, Leyla Kampeter, Yeosong Kim und Fruzsina Kiss. Sie stellen sich dem System, wie Laurids Koehne, Steffen Kurras, Jian Langjie, Mano Leyrado, Joh List und Noah Lübbe. Sie fordern den Raum, formuliert von Mila Asmira Mazo Cano, Hami N. K. Mehr, Sepidar Niroomand, Paul Ohnersorgen, Minori Ouchi und Pippa Patiño. Sie gestalten die dunkle Materie, gemeinsam mit Esther Valerie Riegler, Sigune Roloff, Alec Ross, Johannes Seluga, Olga Shalashova und Ida-Marie Simonsen.

Und sie sind die Stars von morgen: Janosch Sinn, Leevke Succow, Lili Marie Theilen, Shulamith Weisz Quinn, Anna Zachariades und Sheila Zimmermann.

Unter der präzisen Kuration von Emily Pretzsch und Leopold Caspar Schaefer wird hier nicht einfach Kunst an Wände gehängt. Es wird ein kollektiver Gegenentwurf formuliert. Wer den KUNSTBETRIEB überleben will, der darf sich nicht passiv auf die Rolltreppe stellen und hoffen, dass oben jemand applaudiert. Man muss die Mechanik der Treppe durchschauen, die strukturellen Schwächen des Marktes nutzen und im Zweifel bereit sein, den eigenen Urknall selbst auszulösen. Ein eigenständig geführtes künstlerisches Leben verlangt Selbstverantwortung und geistige Unabhängigkeit. Diese Ausstellung ist der Beweis, dass diese Generation nicht auf die Erlösung durch den Markt wartet. Sie bringt das Feuerwerk gleich selbst mit.


Bourdieu, Pierre (1999): Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Suhrkamp Verlag. (Die fundamentale Analyse, wie kulturelles Kapital in der Kunstwelt getauscht und durch „Marktmechanismen“ entwertet oder aufgewertet wird). [https://www.suhrkamp.de/buch/pierre-bourdieu-die-regeln-der-kunst-t-9783518291630]

Abbing, Hans (2002): Why Are Artists Poor? The Exceptional Economy of the Arts. Amsterdam University Press. (Eine brillante soziologisch-ökonomische Analyse, die exakt jene Diskrepanz zwischen „offenem Prozess“ und „strukturellen Vorgaben“ dekonstruiert, die der Pressetext der Ausstellung thematisiert). [https://www.aup.nl/en/book/9789053565651/why-are-artists-poor]

Institut für Kultur- und Medienmanagement (IKM): Publikationen und Studien zum Übergang von Kunsthochschulen in den freien Kunstbetrieb, insbesondere die Analyse von Gatekeeper-Funktionen in der zeitgenössischen bildenden Kunst. [https://kulturmanagement.hfmt-hamburg.de/]

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