Kauf mich, ich bin fast unberührt!

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Der deutsche Kunde will nicht kaufen er will glauben…

Wie neu, nur mit Vorleben – Die feuchte Fantasie des Einzelhandels! Neu ist relativ und das ist das eigentliche Problem Ich bin so frech und stelle heute die Frage, die sich im deutschen Einzelhandel niemand zu stellen traut: Kann ein Kleidungsstück, das täglich von hundert Menschen befummelt, beschnuppert, übergezogen und wieder zurückgehängt wird, wirklich noch als „neu“ gelten?

Wir tun ja gern so, als würden wir in Boutiquen unberührte Ware erwerben jungfräuliche Textilien, frisch aus dem Paradies der Lagerhalle. In Wahrheit aber sind diese Blusen, Jacken und Schuhe kleine Veteranen des Anprobekrieges. Sie haben mehr Haut gesehen als ein durchschnittlicher Masseur, mehr Schweiß absorbiert als eine Yogamatte und mehr Zurückweisungen erlebt als ein Tinder-Profil mit falschem Geburtsjahr.

Und doch hängt darüber ein Schild: NEU.

Hinweis für Neuankömmlinge:
Dieser Blog brutzelt Realität zu Satire erst den Humor einschalten, dann die Empörung servieren!

Die romantische Lüge vom unberührten Konsum
In Amerika dem Land, das sogar für gebrauchte Windeln noch einen Markt fände gibt es wenigstens klare Grenzen. Dort steht auf allem, was mehr als einmal Kontakt zur Außenwelt hatte, ein ehrliches „pre-owned“. Ein Akt der Transparenz, fast schon Poesie im Kapitalismus.

Hierzulande dagegen inszenieren wir einen moralischen Reinwaschungsprozess zwischen Kleiderbügel und Kasse:
Einmal Bügeln, Etikett glattstreichen, zack „neu“.

Das ist, als würde man nach jedem Ex-Partner einfach das Etikett „ungeküsst“ ankleben und hoffen, niemand merkt’s.
Man könnte sagen: Der deutsche Kunde will nicht kaufen er will glauben.
Glauben, dass diese Schuhe ihm gehören, und nicht schon 1.273 anderen Zehenflüchtigen, die vor ihm dieselbe innige Begegnung hatten.

Das Fetischistische an der Neuheit
Neuheit ist längst keine Eigenschaft mehr, sondern eine Religion.
Wir beten sie an wie eine Reinwaschung des Selbst: „Neu“ heißt, das Alte vergessen zu dürfen. „Neu“ ist psychologisch gesehen der Versuch, die Gebrauchsspuren des Lebens zu leugnen in uns und in den Dingen.

Aber was, wenn die Wahrheit viel intimer ist?
Was, wenn jede „neue“ Jacke ein stiller Zeuge ist?
Ein textiles Tagebuch aus Körperwärme, Deo-Spuren und Parfüm-Schlieren eine Art olfaktorischer Stammbaum des Homo Anprobierensis.


Vielleicht ist der Einzelhandel gar kein Ort des Kaufens, sondern eine tägliche Gruppentherapie zwischen Stoff und Schweiß: „Ich wurde getragen, aber nicht geliebt.“


Und wir nennen das dann einfach Einzelstück.

Die ehrliche Lösung: Anprobierware
Vielleicht sollte man ehrlich sein. Eine separate Kategorie schaffen:
„Anprobierware“ ehrlich, realistisch, lebensnah.
Du weißt, was du bekommst: eine Jacke mit Sozialgeschichte, ein Paar Schuhe mit emotionalem Fußabdruck, ein Kleid, das schon zweimal fast den Laden verlassen hätte, aber am Selbstwertgefühl der Käuferin scheiterte.

Klingt absurd?

Nur, weil wir die Wahrheit nicht mögen.
In einer Welt, in der alles gefiltert, retuschiert und sterilisiert wird, wäre die Offenheit über ein paar getragene Ärmel fast schon revolutionär.
Vielleicht ist das die ehrlichste Form von Nachhaltigkeit: zuzugeben, dass auch „neu“ irgendwann nur noch ein schöner Euphemismus für „gebraucht, aber noch nicht erwischt“ ist.

Unberührt war gestern


Am Ende bleibt die Frage:
Würden Sie diese Schuhe, die heute zehn fremde Füße geküsst haben, noch immer mit Stolz „neu“ nennen oder eher „sozial erfahren“?

Vielleicht ist es Zeit, unseren Fetisch für Unberührtheit zu hinterfragen.
Denn nichts ist trauriger als eine Gesellschaft, die lieber eine makellose Lüge trägt als eine ehrliche Falte.

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